Sa, 6. Juli 2019, 10-13 Uhr

Workshop für Kinder und Erwachsene

Druck-Workshop zur Remstal-Gartenschau

Mit einem Workshop zur Remstal-Gartenschau hat die Kulturgemeinschaft Fellbach in Zusammenarbeit mit der Kunstschule Fellbach Senioren und Jugendliche und sogar ganze Familien zu kreativem Schaffen angeregt. Unter Leitung von Susanne Waiss und Beatrix Giebel entstanden in Drucktechnik kleine Kunstwerke nach natürlichen Vorbildern: Pflanzen, Blumen und Orte, die man auf der Gartenschau entdecken kann. Bei dieser Mitmach-Aktion ist es der Kulturgemeinschaft gelungen, unterschiedliche Generationen zusammenzuführen. Dieses Anliegen wird auch mit einem weiteren Workshop am 9. November unter dem Motto „Weihnachtliches aus Ton“ sowie mit einem Märchenkonzert verfolgt. Auf dem Programm am Sonntag, 15. Dezember, 15 Uhr, in der Musikschule steht „Der Nussknacker“, ein Weihnachtsklassiker für die ganze Familie.

Mittwoch, 3. Juli 2019, 19 Uhr

Beitrag zur Remstalgartenschau

Das Paradiesgärtlein

Fast 50 Besucher erlebten am Mittwochabend im Stadtmuseum einen bilderreichen und erhellenden Vortrag von Professor Dr. Bernd Feininger (siehe Fotos) über Garten und Gartenkultur in Mythen und Religionen. Der katholische Theologe spannte den Bogen von den hängenden Gärten im alten Babylon über christliche und islamische Symbolik des Gartens als Spiegelbild des Paradieses bis zu den neuen urbanen Gartenkulturen unserer Zeit. Veranstalter des Beitrags zur Remstal-Gartenschau war die Kulturgemeinschaft Fellbach zusammen mit dem StadtMuseum.

Sonntag, 31. 3. 2019, 19 Uhr

Konzerte

B-A-C-H

Mehr als 150 Besucher im fast vollen Konzertsaal der Musikschule erlebten einen faszinierenden Jazz-Abend mit dem Dieter-Ilg-Trio, das nach Werken des berühmten Komponisten Johann Sebastian Bach improvisierte. Ob Goldberg-Variationen, ob wohltemperiertes Klavier – die drei Weltklasse-Musiker rissen das Publikum mit.

Dienstag, 2. April 2019, 19.30 Uhr

Mitgliederversammlung

Mitgliederversammlung

Mit rund 50 Teilnehmern ist die Mitgliederversammlung der Kulturgemeinschaft Fellbach am Dienstag, 2. April 2019, im Parkrestaurant innerhalb von 70 Minuten beendet worden. Als große Bereicherung empfanden die Mitglieder die musikalischen Beiträge des Kammerorchesters, das unter Leitung von Thomas Schäfer gekonnt eine Suite aus dem Sommernachtstraum von Henry Purcell sowie Walzerklänge von Antonin Dvorak vortrug. Das Ensemble wurde mit großem Beifall verabschiedet. Die Vorsitzende Christa Linsenmaier-Wolf wies auf die bevorstehenden Konzerte des Kammerorchesters hin, unter anderem das Kirchenkonzert Trinitas am 16. Mai in der Kirche St. Johannes im Rahmen einer Langen Museumsnacht der Remstal-Gartenschau. Im Mittelpunkt der Versammlung stand auch sonst die Programmarbeit des im vergangenen Jahr neu gewählten Vorstands um die ehemalige Kulturamtsleiterin Linsenmaier-Wolf. Insbesondere der Wonnemonat Mai sei besonders „veranstaltungsstark“ mit einem vielschichtigen Programm, „das uns Ehrenamtlichen viel abverlangt“. In der zweiten Jahreshälfte sind unter anderem eine Ausfahrt nach Heidelberg, ein Besuch der Gärten von Hohenheim und ein Workshop in der Kunstschule geplant. Schwäbische Mundart gibt es am 15. November wieder im Heid-Keller. Ein Höhepunkt wird wohl der Auftritt von Matthias Klink und Katja Bürkle mit Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ am 24. November im Rathaus-Saal. Im kommenden Jahr wird sich die Kulturgemeinschaft mit Beethoven und Hölderlin beschäftigen, beide wären im Jahr 2020 250 Jahre alt geworden.
Beiratsmitglied Sybille Mack erinnerte schließlich an die „Lesung aus verbrannten Büchern“ am 10. Mai, die an eine kulturpolitische Untat von Nazis im Jahr 1933 erinnert.
(Mehr zu den genannten Programmpunkten und weiteren Veranstaltungen finden Sie stets auf dieser Homepage).

Dienstag, 19. 2. 2019, 19:30 Uhr

Themen der Zeit

Goethe und der Koran

Kaum ein Platz blieb am Dienstag, 19. Februar, in der Stadtbücherei Fellbach unbesetzt – die Kulturgemeinschaft hatte den Goethe- und Korankenner Dr. Manfred Osten zu einem Vortrag über Goethes Gedichtsammlung „West-Östlicher Divan“ eingeladen. In einer Einführung zur Biographie des Referenten wies die Vorsitzende der Kulturgemeinschaft, Christa Linsenmaier-Wolf, darauf hin, dass Dr. Osten die Aktualität Goethes für unsere Zeit herausgearbeitet habe. Der Kulturhistoriker und ehemalige Diplomat fesselte die rund 120 Besucher mit einem vielschichtigen Vortrag; seiner Ansicht nach hat der vom Koran und der persischen Mystik faszinierte Goethe schon vor 200 Jahren die Probleme mit der Integration von Muslimen in eine demokratische Gesellschaft gesehen und dargestellt. Vor allem der Absolutheitsanspruch in Sure 2 des Koran stehe dem interkulturellen Dialog entgegen. Organisiert hat Beiratsmitglied Dr. Siegfried von Niswandt die Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Themen der Zeit“, Mitveranstalter war das Kulturamt der Stadt Fellbach; die Kulturamtsleiterin Maja Heidenreich war unter den Gästen.

Donnerstag, 14. 2. 2019, 19.30 Uhr

Konzerte

Liebeserklärung zum Valentinstag

Im nahezu komplett gefüllten großen Rathaussaal erlebten am Donnerstag rund 220 Besucher einen glanzvollen Liederabend mit den Liebesliedern im Walzertakt von Johannes Brahms. Bei einem Glas Secco ließen die Gäste dann im Foyer den Abend ausklingen – die Damen durften zudem wunderschöne rote Rosen mit nach Hause nehmen. Mit diesem Abend hat sich die Kulturgemeinschaft einmal mehr Freunde gemacht.

Mittwoch, 22. Mai 2019, 19 Uhr

Themen der Zeit

Norbert Lammert spricht

Rund 1100 Besucher füllten am Mittwochabend den großen Saal der Schwabenlandhalle fast bis zum letzten Platz. Die Vorsitzende der Kulturgemeinschaft Fellbach e. V., Christa Linsenmaier-Wolf, hatte den ehemaligen Bundestagspräsidenten Dr. Norbert Lammert zu einem Vortrag über 70 Jahre Grundgesetz eingeladen, und der Andrang auf die kostenlosen Eintrittskarten war einfach überwältigend. Mitveranstalter waren die Stadt Fellbach und die Landeszentrale für politische Bildung. Für die Besucher hat sich der Weg gelohnt: Lammert hielt eine intensive, rhetorisch brillante und tiefschürfende Rede über die Entstehung des Grundgesetzes, ihr Verhältnis zur Verfassung der Weimarer Republik und zu den Verfassungen anderer Staaten, aber auch über die Gefährdungen moderner Demokratien von Innen heraus. „Dass die 70 Lebensjahre, die ich jetzt hinter mir habe, zufällig die besten 70 Jahre sind, die es in der Geschichte dieses Landes jemals gegeben hat, das hat ganz wesentlich mit der Verfassung zu tun“, sagte Lammert. Das Grundgesetz erfreue sich inzwischen auch einer erstaunlichen Popularität. „Beinahe 90 Prozent sagen bei Umfragen: Das ist gut gelungen.“ Eine der größten Gefahren für die Demokratie bestehe heute darin, dass sie von den Bürgern für selbstverständlich gehalten werde, sagte der 70-Jährige Politiker: „Die Demokratie ist eine wunderbare Staatsform, aber sie steht oder fällt mit dem Engagement der Bürger.“ Lammert, der seinen Vortrag weitgehend frei hielt, machte wenige Tage vor der Wahl zum Europaparlament darauf aufmerksam, dass das Grundgesetz dem Staat auch die Abgabe von Souveränität ermögliche – Bedeutung in der Welt könne Deutschland mit gerade einmal 1 Prozent der Weltbevölkerung heute nur in europäischer Zusammenarbeit entfalten. Großbritannien sei daher mit dem Brexit auf einem Irrweg: „Großbritannien außerhalb der EU ist eine mittelgroße Insel in der Nordsee. Punkt.“
Oberbürgermeisterin Gabriele Zull hatte in ihrer Begrüßungsrede das Grundgesetz als „ein
Schlüsselereignis in der deutschen Geschichte, ja fast ein Wunder“ genannt, denn nur vier Jahre zuvor war der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen, der etwa 70 Millionen Menschen das Leben kostete.

Samstag, 2. März 2019, 9 Uhr

Workshop

Stein im Wandel (ausgebucht)

Vom Stein zum Kunstwerk

Fellbach Unter Anleitung des Bildhauermeisters Michael Mack haben sechs begeisterte Amateur-Künstler die von ihnen ausgewählten Steine mit dem Meißel in Kunstwerke verwandelt. „Manchmal wurden dabei die Finger, glücklicherweise meistens der Meißel getroffen“, berichtet Manfred Heß, der die Veranstaltung der Kulturgemeinschaft Fellbach organisiert hat. Michael Mack vom Steinmetz-Betrieb Breier und Mack hatte Anfang Februar eine Gruppe interessierter Mitglieder und Gäste durch seinen Betrieb beim Kleinfeldfriedhof geführt und seinen Beruf in einem Werkstattgespräch vorgestellt. An zwei Samstagen trafen sich danach zwei Frauen und vier Männer zur Handarbeit mit Hammer und Meißel. Vielfältige Formen wurden entwickelt und geschlagen. Schnecken, Elefanten, ein Baumstamm, Freiformen und Brunnen zur Luftbefeuchtung eines Wintergartens sind dabei entstanden und erfreuen nun die Künstler zuhause. Alle Teilnehmer waren begeistert und wollen weiterhin Steine in neue Formen umwandeln. Manfred Heß jedenfalls zeigte sich entschlossen, „dass wir im nächsten Jahr wieder klopfen wollen“. Michael Mack habe zu einer Wiederholung der Aktion bereits Ja gesagt. Fotos: Manfred Heß

Freitag, 9. November 2018, 19:30 Uhr

Mundart

Macken machen Lachen

Seit Wochen ausverkauft war die Veranstaltung der Kulturgemeinschaft Fellbach mit dem Mundart-Kabarettisten Dieter Huthmacher im Weingut Heid. Zwischen den Barriquefässern mit frisch geerntetem Rotwein drängten sich mehr als 80 Besucher, um den Mundart-Barden aus Pforzheim bei einem guten Glas Wein erleben zu können. Der über 70-jährige erfüllt dann auch die Erwartungen des Publikums mit Liedern und Texten, die zwischen nachdenklichen und rustikal-deftigen Beiträgen die ganze Bandbreite menschlicher Unzulänglichkeiten ausbreiteten, gemäß dem Motto  „Macken machen Lachen“.  „Morgen vor dem Spiegel erwarten mich einige zusätzliche Lachfalten“, sagte der ehemalige Vorsitzende der Kulturgemeinschaft, Manfred Heß, der den Abend organisiert hatte. Auch dem Chef des Weinguts, Markus Heid, hat der Abend ausnehmend gut gefallen. Da kann man schon mal über eine Fortsetzung im nächsten Jahr nachdenken.

Donnerstag, 8. 11. 2018, 19:00 Uhr

Themen der Zeit

Gibt es einen neuen Antisemitismus?

Jugendlichen sollte vermehrt das Gefühl gegeben werden, dass sie ihr Leben selbst gestalten können, wichtig sind auch „positive Sinnlichkeitserlebnisse“ für junge Leute. Mit Argumenten dagegen sei nicht viel auszurichten. Das sagte der Extremismusforscher Prof. Dr. Kurt Möller am Donnerstag im nahezu voll besetzten großen Sitzungssaal des Fellbacher Rathauses. Der Professor an der Hochschule Esslingen hielt einen überaus faktenreichen Vortrag über Antisemitismus in der heutigen Bevölkerung, insbesondere bei Jugendlichen.

Rund 150 Besucher waren nicht nur beeindruckt über die zahlreichen Statistiken und empirischen Befunde der Wissenschaft, am Ende waren sie auch einigermaßen erschöpft vom Zahlenwerk der Sozialforscher. Klar geworden ist aber, dass der Antisemitismus in vielen Köpfen virulent ist, wobei das Bildungsniveau und die allgemeinpolitischen Einstellungen des einzelnen bedeutsam sind: Antisemitismus findet sich eher rechts der Mitte und bei eher niedriger Schulbildung.  Aus den Umfragen geht auch hervor,  dass insbesondere muslimische Jugendliche und Doppelstaatler mit osteuropäischen Wurzeln starke Aversionen gegen Jüdinnen und Juden und jüdische Institutionen bis hin zum Staat Israel haben. In der Diskussion, die von Sibylle Thelen von der  Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg geleitet wurde, meldeten sich viele Besucher durchaus auch kritisch zu Wort.

Die Veranstaltung wurde von der Kulturgemeinschaft Fellbach in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum und der Landeszentrale für politische Bildung zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht organisiert. Auch Juden aus Fellbach wurden deportiert, berichtete die Vorsitzende der Kulturgemeinschaft, Christa Linsenmaier-Wolf, in ihrer Begrüßungsrede. Heute spreche vieles dafür, dass Antisemitismus wieder vermehrt auftritt. Ihre Rede hier im Wortlaut:

 

Themen der Zeit“ heißt eine neue Reihe der Kulturgemeinschaft Fellbach, mit der wir in loser Folge zeithistorische und aktuelle gesellschaftspolitische Fragen beleuchten und zur Meinungsbildung beitragen wollen. Wir knüpfen damit an unser prominent besetztes Podiumsgespräch zum Thema „Heimat in Zeiten der Globalisierung“ an, das im Sommer breite Resonanz fand. Auch diesmal sind die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und das StadtMuseum wieder mit im Boot, eine Konstellation, die sich bewährt hat. Für die Landeszentrale begrüße ich herzlich Sibylle Thelen, für das StadtMuseum dessen Leiterin Ursula Teutrine und danke für die ausgezeichnete Zusammenarbeit.

Heute stellen wir die leider wohl rhetorische Frage „Gibt es einen neuen Antisemitismus?“ Dass jüdische Menschen über Jahrhunderte hinweg ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt wurden, ist bekannt. Bereits der große Reformator Martin Luther brachte, wie im Lutherjahr deutlich aufgezeigt wurde, seine Redegewalt gegen die Juden in Stellung. In Frankreich gab es um 1900 die Dreyfus-Affäre, in Osteuropa wütende Pogrome. Aber ausgerechnet in Deutschland, wo die Aufklärung mit Moses Mendelssohn und Lessings „Nathan“ eine Überwindung überlieferter Vorurteile versprach, ausgerechnet hier, wohin sich Juden aus Osteuropa in der Hoffnung auf ein gleichberechtigtes und zivilisiertes Leben geflüchtet hatten, hier im Herzen Europas wurden im 20. Jahrhundert  Menschen aufgrund ihrer Herkunft so systematisch verfolgt und ausgelöscht, dass man es bis heute eigentlich nicht fassen kann.

Der Albtraum des NS dauerte nur 12 Jahre (1933-1945), eine kurze Zeitspanne gewiss, aber mit unvergleichlichen Folgen. Millionen und Abermillionen kamen um, und auch der Glaube in die Humanität wurde nachhaltig erschüttert. Das war kein Vogelschiss in der Geschichte, sondern ein Abgrund, der sich auftat für diejenigen, die die Zeit reflektierend erlebten und  auch für die Nachgeborenen, die u.a. Filme über die Befreiung der Konzentrationslager sahen und erkennen mussten, dass Teile der Eltern- und Großelterngeneration große Schuld auf sich geladen hatten. 

Auch in unserem Stadtmuseum können Sie nachvollziehen, wie jüdische Bürgerinnen und Bürger in die Verfolgungsmaschinerie gerieten – ob der Inhaber des Kaufhauses Helfer, Sigmund Helfer, den seine couragierte Frau Martha über die schwere Zeit rettete, aber nicht verhindern konnte, dass ihr Kaufhaus bereits im April 1938 arisiert wurde. Ob Jakob Stern, der 1937 auf Druck der Gauwirtschaftsleitung aus seinem Unternehmen ausscheiden musste, allerdings das Glück hatte, dass er die Geschäfte vertrauensvoll in die Hände seines hochanständigen Teilhabers Ernst Müller legen konnte, der alles daran setzte, den ehemaligen Partner zu schützen. Oder Männy Gräber, die kurz vor Ende des Krieges denunziert und nach Theresienstadt deportiert wurde, wo sie wenig später an Typhus starb. Hanna Helfer, die Tochter Marthas und Sigmunds, hat 1952 den Schlüssel zur neu erbauten Stuttgarter Synagoge überreicht: Ein starkes Symbol, denn bereits die Existenz eines 1944 in Deutschland geborenen jüdischen Mädchens grenzte an ein Wunder.

Vom „nie wieder“ war die Politik der Nachkriegszeit geprägt. Langsam bildete sich eine Erinnerungskultur heraus, die aus der Geschichte eine besondere Verantwortung herleitete – für ein jüdisches Leben in Deutschland, das sich zunächst nur vereinzelt, nach der Wende durch Zuzug vor allem aus Osteuropa kräftiger entwickelte, und auch für den Staat Israel, in dem Juden aus aller Welt eine Zuflucht, eine Heimat fanden. Gut begründet hat Kanzlerin Angela Merkel deshalb die historische Verantwortung gegenüber Israel als Teil der deutschen Staatsraison erklärt.

All das lief natürlich nicht glatt. Unterschwelliger Antisemitismus in gar nicht so kleinen Teilen der Bevölkerung existierte weiter. Umfragen belegten dies. Weiterhin mussten Synagogen bewacht und einzelne Protagonisten beschützt werden. Nachdenklich machten auch die Reaktionen auf die Rede, die Martin Walser vor fast genau 20 Jahren zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hielt. Dabei warnte er – auch auf die Gefahr hin missverstanden zu werden – davor, Auschwitz als „Moralkeule“ zu missbrauchen. Es ging ihm, so seine eigene Deutung, um das Unbehagen gegenüber Ritualen des Erinnerns. Der Begriff der Moralkeule aber war in der Welt und Walser in Frankfurt stehender Applaus des Auditoriums gewiss – nur Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist sitzen geblieben, erschüttert.

Und heute? Spricht vieles dafür, dass antisemitische Übergriffe zunehmen, in Berlin, wo Kippaträger geschlagen, in Chemnitz, wo ein koscheres Lokal überfallen, oder in Schulen, wo jüdische Kinder solange gemobbt werden, bis sie die Schule wechseln. Im Internet, wo ohnehin sämtliche Hemmungen fallen, sind judenfeindliche Äußerungen nicht mehr die Ausnahme. Und der inzwischen reumütige Rapper Kollegah hat für einen Song, in dem er Auschwitz-Opfer beleidigte, den Echo erhalten. Die Antwort der Bundesregierung auf diese Entwicklungen ist die Einrichtung eines Antisemitismus-Beauftragten gewesen. Wie aber konnte es so weit kommen? Trotz Aufklärung, trotz eines ambitionierten Schulunterrichts, trotz der weltweit geschätzten Aufarbeitung der NS-Untaten in Deutschland. Was könnte hier schiefgelaufen sein? Welche gesellschaftlichen Veränderungen mögen dazu beigetragen haben, dass es kalt lächelnd zu Tabubrüchen kommt?

Darüber wollen wir uns heute Abend Gedanken machen. Und zwar auch angesichts eines historischen Datums. Es geschah morgen vor genau 80 Jahren. Am 9. November 1938. In ganz Deutschland brannten Synagogen und setzten organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäftshäuser in Brand. Die Feuerwehrleute hatten den Befehl nicht auszurücken, bzw. lediglich darauf zu achten, dass die Brände nicht auf umliegende Gebäude übergriffen. Ein Fanal. Denn diese Nacht mit ihren Verwüstungen war das von der Staatsmacht initiierte Signal für den Völkermord an den europäischen Juden.

Kann man aus der Geschichte lernen? Gibt es einen neuen Antisemitismus und warum? Von welchen Gruppierungen wird er befördert und wie unterscheiden sich seine Inhalte und Äußerungsformen von den tradierten Stereotypen? Welche Gegenstrategien könnte es geben?