Weihnacht

Die Vorsitzende der Kulturgemeinschaft Fellbach, Christa Linsenmaier-Wolf, hat die Mitglieder aufgerufen, adventliche und weihnachtliche Beiträge zur Kommunikation innerhalb des Vereins einzuschicken,  nachdem nun Corona auch im Dezember weite Teile des öffentlichen und kulturellen Lebens zum Erliegen bringt. Der jüngste Beitrag zu der Seite steht immer oben.

 

Einen guten Rat geben Dr. Eberhard und Helga Schwarz in Gestalt eines Gedichts von Erich Kästner.

Vorsätze fürs neue Jahr

Erich Kästner

„Man soll das Neue Jahr nicht mit Programmen
beladen wie ein krankes Pferd,
wenn man es all zu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,
um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich schrecklich zu bemüh’n
und schließlich hat man den Salat.

Es nützt nicht viel, sich rot zu schämen,
es nützt nichts und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm und bessert euch drauflos.“

 

„Gesang von Liebe und Zuversicht“

Zwischen den Jahren, wie man so schön sagt, noch ein Gedicht von Hanns-Dieter Hüsch mit Grüßen von Brigitte und Winfried Bauer. Mit seinem Gesang von Liebe und Zuversicht wandern wir dem neuen Jahr entgegen.

Psalm II

solange in meinem herzen und in meinem kopf
der gesang von liebe und zuversicht wohnt
das land der unbegrenzten möglichkeiten zu spüren ist
freundschaft und friede mit allen kreaturen
in meinen augen sitzen
solange wird es auch diese erde geben
mit all ihren menschen die guten willens sind
die über sich hinauswachsen
und es eines tages doch noch schaffen
den halsabschneidern und blutsaugern
kindermördern und frauenschändern
und ihren feigen handlangern im hintergrund
das handwerk zu legen
solange unsere herzen dafür schlagen
dass sich die utopie erfülle
auf dass die erde heimat wird für alle welt
im kleinen wie im ganzen
solange wir leben und wachsen
solange gibt es sie auch.

 

 

Zum krönenden Abschluss ein Gedicht, das uns Mut spendet in dieser seltsamen Zeit! Zusammen mit einem Bild der herrlichen Weihnachtskrippe unseres Grafikers Jürgen Hauck in der Tradition altbayerischer Krippen.

Weihnachtskrippe_Hauck

„Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht,
annehmen; alles, auch das Unerhörte, muss
darin möglich sein.
Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von
uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten,
Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns
begegnen kann.“

(Rainer Maria Rilke, 1904)

 

 

 

 

Christine Thoms schreibt: Ich habe heute auch noch ein Gedicht, das mir ein früherer Kollege zu Weihnachten geschickt hat und gut in die jetzige Zeit passt. Es ist von Willem Barnard:

Ein Mensch zu sein auf Erden
in dieser bösen Zeit
heißt ganz auf Gnade leben,
heißt auf die Stimme hoffen,
die einst vom Himmel fuhr,
heißt seinen Tod annehmen,
die Tage und die Nächte,
den Frieden und den Streit,
die Fragen und die Ängste,
Durst nach Gerechtigkeit.
Denn die Erde jagt uns
auf den Abgrund zu.
Doch der Himmel fragt uns:
Warum zweifelst Du?

 

Weihnachten ist eine schöne Zeit

Und noch ein Gedicht, das uns Renate Seeger sendet, „ein Couplet von Georg Kreisler, das hat Kai Müller in der Neuen Kelter zu Weihnachten immer wunderbar vorgetragen. Ich finde es köstlich!“, schreibt sie

Weihnachten ist eine schöne Zeit
Denn es wird gefeiert weit und breit!
Bitte alle mit mir singen
Weihnachten ist eine schöne Zeit!
Weihnachten ist eine schöne Zeit
Insbesond’re, wenn es tüchtig schneit
Durch die Flocken
Klingen Glocken Weihnachten ist eine schöne Zeit!
Mutter kriegt Toilettenseife
Die sie zum Toilettenwaschen braucht!
Vater kriegt eine neue Pfeife Weil er schon seit Jahren nicht mehr raucht!
Ja, Weihnachten ist eine schöne Zeit
Wie man sich zu Weihnachten doch freut!
Sternderln kleben
Geld ausgeben
Weihnachten ist eine schöne Zeit!
Ich bekomm‘ viel‘ schöne Bücher
Leider sind es jene Bücher
Die ich schon gelesen und gehasst!
Tante kriegt zwei Seidenblusen
Wobei ihr von beiden Blusen
Weder eine noch die andre passt!
Oma kriegt die Samowaren
Die sie selbst vor zwanzig Jahren
Irgendwem gegeben hat, zurück!
Onkel kriegt zehn Taschentücher
Taschentücher braucht er sicher!
Denn er hat a Taschentuchfabrik!
Ja, Weihnachten ist eine schöne Zeit!
Drüber gibt es sicher keinen Streit!
Goschen halten
Hände falten
Weihnachten ist eine schöne Zeit!
Zwar, es geht nicht jeder in die Kirche
Denn Weihnachten gibt’s anderes zu tun untertags
Dafür kauft einjeder eine schiache
Kerze und ein‘ Engel dran aus Plastik oder Wachs!
Und am Weihnachtsabend, wie erquicklich
Man speist mit den Verwandten, die man’s ganze Jahr vermied!
Nach dem Essen fühlt man sich so glücklich
Weil man die Verwandten dann ein Jahr lang nicht mehr sieht!
Weihnachten ist eine schöne Zeit!
Das ist wirklich keine Neuigkeit!
Nicht verschnaufen
Weiter kaufen
Weihnachten ist eine schöne Zeit!
Weihnachten ist eine schöne Zeit
Wenigstens das sagen alle Leut‘!
Sind wir ehrlich
Einmal jährlich
Weihnachten ist eine schöne Zeit!
Gib uns Frieden, Fest des Friedens!
Gib uns Liebe, liebes Fest!
Gib, dass man statt Platitüden
Uns die Wahrheit sehen lässt!
Gib uns Weisheit und Verständnis!
Lass uns nicht beim Lügen lachen
Und verleih uns die Erkenntnis
Wie aus Menschen Menschen machen!
Lass uns nicht beim Geben sparen!
Lass uns nicht in Zorn entbrennen!
Gib, dass wir in Zukunftsjahren
Endlich ehrlich sagen können
Weihnachten ist eine schöne Zeit!
Weihnachten ist eine schöne Zeit!
Freut uns auch nicht, was wir kriegen
Macht uns Freude, was wir bringen!
Geben wir auch, weil wir müssen
Einmal wird es uns gelingen
Dass wir geben, weil wir wollen!
Dann lasst uns zusammen singen
Weihnachten ist eine schöne Zeit!

Kurz vor Weihnachten

Mit einem wunderbaren Mörike-Gedicht, das Hugo Wolf auch vertonte, grüße ich Sie am 4. Advent. 1841 hatte Eduard Mörike seinem Freund Wilhelm Hartlaub geschrieben, das er zufällig auf einem Grab etwas „Lebendiges, Frisch-Blühendes“ gefunden habe, das ihn an eine Lilie erinnere. Wenig später fand er zwar heraus, dass es sich um eine damals noch wenig verbreitete Christrose handelte, die in die Familie der Hahnenfußgewächse gehört. Dennoch hatte die Begegnung etwas in ihm angeregt, dem er im Gedicht Gestalt gab. Die Schönheit und Raffinesse des lyrischen Gebildes speist sich aus den Bildern und Assoziationen, die Mörike aufruft. Bezeichnend für seine poetische, alles miteinander verbindende Weltsicht ist, wie er christliche Motive, die Lilie als Symbol der Verkündigung etwa oder die Blutstropfen, die an das christliche Opfer erinnern, in eine antike Form kleidet. Der erste Teil des Gedichts klingt mit dem Märchenmotiv der Elfe aus; der zweite, später hinzugefügte Teil spielt im Bild des Schmetterlings subtil mit dem Thema des erotischen Verlangens. So gehen christliche Erlösungshoffnung und sinnliche Natur- und Welterfahrung eine ganz merkwürdig-schöne Symbiose ein.

 

Eduard Mörike

Auf eine Christblume


Tochter des Walds, du Lilienverwandte,
So lang von mir gesuchte, unbekannte,
Im fremden Kirchhof, öd und winterlich,
Zum erstenmal, o schöne, find ich dich!

Von welcher Hand gepflegt du hier erblühtest,
Ich weiß es nicht, noch wessen Grab du hütest;
Ist es ein Jüngling, so geschah ihm Heil,
Ist’s eine Jungfrau, lieblich fiel ihr Teil.

Im nächtgen Hain, von Schneelicht überbreitet,
Wo fromm das Reh an dir vorüberweidet,
Bei der Kapelle, am kristallnen Teich,
Dort sucht ich deiner Heimat Zauberreich.

Schön bist du, Kind des Mondes, nicht der Sonne;
Dir wäre tödlich andrer Blumen Wonne,
Dich nährt, den keuschen Leib voll Reif und Duft,
Himmlischer Kälte balsamsüße Luft.

In deines Busens goldner Fülle gründet
Ein Wohlgeruch, der sich nur kaum verkündet;
So duftete, berührt von Engelshand,
Der benedeiten Mutter Brautgewand.

Dich würden, mahnend an das heilge Leiden,
Fünf Purpurtropfen schön und einzig kleiden:
Doch kindlich zierst du, um die Weihnachtszeit,
Lichtgrün mit einem Hauch dein weißes Kleid.

Der Elfe, der in mitternächtger Stunde
Zum Tanze geht im lichterhellen Grunde,
Vor deiner mystischen Glorie steht er scheu
Neugierig still von fern und huscht vorbei.

2.

Im Winterboden schläft, ein Blumenkeim,
Der Schmetterling, der einst um Busch und Hügel
In Frühlingsnächten wiegt den samtnen Flügel;
Nie soll er kosten deinen Honigseim.

Wer aber weiß, ob nicht sein zarter Geist,
Wenn jede Zier des Sommers hingesunken,
Dereinst, von deinem leisen Dufte trunken,
Mir unsichtbar, dich Blühende umkreist?

Zwei Gedichte

Wieder öffnen wir eine Tür in unserem lyrischen Adventskalender. Unser Mitglied Siegfried Kaiser, der im September die Buchherstellung aus einer Hand vorgestellt hat, schreibt: „Auch ich komme noch mit zwei weihnachtlichen Gedichten an. Das Erste zum Lächeln und das zweite zum Lachen. Beides können wir in dieser Zeit wirklich gebrauchen.“

Der Wald schläft

Friedlich schläft der Winterwald.
Raureif glitzert auf den Fichten.
Märchen werden zur Gestalt,
und es leben Spukgeschichten.

Ruprecht steigt herab ins Tal.
Unter tiefverschneiten Tännchen
stapft der alte Rübenzahl,
trippeln kleine Wichtelmännchen.

Brombeerstrauch und Seidelbast
schlummern an der Haselhecke.
Eichkatz träumt auf einem Ast
unter weißer Daunendecke.

Buchen ragen stark und alt
aus dem Schnee wie Patriarchen.
Friedlich schläft der Winterwald,
und man hört die Bäume schnarchen.

(Fred Endrikat)

Alles gut

Die Suppe war gut. Die Gans war gut. Die Soße war gut.
Besonders gut waren die Knödel.

Gut war auch der Klare.
Der Weißwein war gut.
So gut wie der Rote.

Der Sekt war gut.
Der Stollen war gut.
Das Gebäck war gut.
Alles selbstgebacken.

Die Geschenke waren gut ausgesucht.
Der Tannenbaum war gut gewachsen.
Das Fernsehprogramm war gut gemeint.
Mir wurde schlecht.

(Dieter Höss)

Fröhliche Weihnachten und von nichts zu viel wünscht Siegfried Kaiser

 

Der Knabe am Weihnachtsabend

Gottfried Wolf reicht hiermit die mit dem Versand des Hebel-Gedichts angekündigte Erzählung Dostojewskis nach, die er um der Lesbarkeit willen abgetippt hat und appelliert: „Lassen Sie sich berühren.“

Fjodor M. Dostojewski:

Beim Herrn Jesu

„Es kommt mir eben vor, (schreibt Dostojewski in einleitenden Sätzen, GW) sie (die Geschichte) habe sich irgendwo und irgendwann einmal zugetragen, und zwar am Vorabend des Weihnachtstags, in einer riesigen Stadt, bei grausamem Frost.

Vor mir sehe ich einen Knaben, einen kleinen Knaben von höchstens sechs Jahren. Dieser Knabe erwachte eines Morgens in einem feuchten, kalten Keller. Er trug nur ein dünnes Hemdchen und zitterte. Der Atem flog wie weißer Dampf aus seinem Mund, und da er sich, auf einer Kiste hingekauert, in seinem Winkel langweilte, ließ er den Dampf absichtlich fahren und freute sich daran, wie dieser aus seinem Mund flog. Er hatte großen Hunger. Schon mehrmals an diesem Morgen war er zu der Pritsche gegangen, wo seine kranke Mutter auf einer hauchdünnen Schicht Streu lag, den Kopf auf ein Bündel gebettet. Wie war sie nur hierher geraten? Sie mußte wohl mit ihrem Jungen aus einer fremden Stadt gekommen und plötzlich erkrankt sein. Die Vermieterin der Behausung war vor zwei Tagen von der Polizei festgenommen worden. Die Bewohner aber hatten sich, wie vor den Festtagen üblich, zerstreut, und nur ein tatarischer Händler lag seit vierundzwanzig Stunden sinnlos betrunken da – er hatte die Festtage garnicht abgewartet. In einem anderen Winkel stöhnte eine rheumakranke achtzigjährige Greisin. Sie war einst Kindfrau gewesen und starb nun einsam und verlassen. Dabei stöhnte, knurrte und brummte sie den Knaben so an, daß dieser es nicht wagte, auch nur in ihre Nähe zu kommen. Der Knabe hatte sich im Flur etwas zu trinken geholt, doch Brotrinden konnte er keine finden, und so ging er jetzt schon zum zehnten Mal zu seiner Mutter, um sie zu wecken. Auch war ihm unheimlich zumut in der Dunkelheit: obwohl der Abend schon lange hereingebrochen war, hatte niemand ein Licht angemacht. Er berührte das Gesicht seiner Mutter und war erstaunt, wie unbeweglich sie dalag und kalt wie die Wand. ‚Gar Kalt ist es hier‘, dachte er, während er seine Hand selbstvergessen auf der Schulter der Toten ruhen ließ. Dann behauchte er seine Fingerchen, um sie zu wärmen, ertastete sich auf der Pritsche sein Mützchen und schlich leise und behutsam aus dem Keller. Er wäre schon früher weggegangen, doch hatte er den großen Hund gefürchtet, der oben auf der Treppe vor der Nachbarstür den ganzen Tag geheult hatte. Aber der Hund war verschwunden, und so fand er sich plötzlich auf der Straße.

O Gott, was für eine Stadt! Noch nie hatte er dergleichen gesehen. Da, wo er hergekommen war, herrschte nachts tiefe Finsternis, und nur eine einzige Laterne erhellte die Straße. Die niedrigen Holzhäuser waren mit Fensterläden verrammelt. Kaum brach die Dämmerung herein, war kein Mensch mehr zu sehen, jedermann schloß sich in sein Haus ein, und nur die Hunde trieben sich rudelweise herum, heulten und kläfften zu Hunderten, zu Tausenden die ganze Nacht. Doch war es dort warm gewesen, und man hatte ihm zu essen gegeben – o Gott, wenn er nur etwas zu essen bekäme! Welch ein Geratter war hier, welch ein Lärm, wieviel Licht und Menschen, Pferde und Wagen und was für eine Kälte! Kalter Dampf stieg von den Leibern der abgehetzten Gäule auf, aus ihren heißen Nüstern; die Hufeisen klirrten durch den schütteren Schnee auf dem Pflaster, man stieß und drängte sich; o Gott, wenn er nur etwas zu essen bekäme, ein Krümchen zumindest, und auch die Fingerchen taten plötzlich so weh! Ein Ordnungshüter ging vorbei und wandte sich ab, um den Knaben nicht sehen zu müssen.

Schon wieder eine Straße – und wie breit sie ist! Hier werden sie ihn gewiß erdrücken. Und wie sie alle schreien, laufen, fahren, und diese Helligkeit, diese Helligkeit! Was ist denn das? Ach, welch eine große Glasscheibe, und hinter der Scheibe ein Zimmer, und im Zimmer ein Baum, der bis zur Decke reicht. Es ist ein Christbaum, und der Christbaum ist voller Lichter, goldener Papierchen und Äpfel, und ringsherum liegen Püppchen und Pferdchen. Geputzte saubere Kinder laufen im Zimmer herum, lachen und spielen, essen und trinken. Da tanzt eben ein Mädchen mit einem Jungen, welch ein hübsches Mädchen! Auch die Musik dringt durch die Scheibe. Der Knabe schaut verwundert zu, und schon lacht er, obwohl ihm die Zehen weh tun und die Fingerchen schon so rot und steif sind, daß es schmerzt, wenn er sie bewegt. Doch plötzlich erinnert sich der Knabe an die schmerzenden Fingerchen, fängt an zu weinen und läuft weiter.

Und wieder sieht er durch die Scheibe in ein Zimmer, wo ein Baum steht. Auf den Tischen liegen viele süße Backwaren – braune, gelbe und solche mit Mandeln, und vier vornehme Damen reichen jeden, der eintritt, von dem Gebäck. Die Tür geht alle Augenblicke auf, und viele Herrschaften kommen herein.

Der Knabe stahl sich zur Tür, öffnete sie rasch und trat ein. Mein Gott, wie sie ihn da anschrien und abwehrten! Eine Dame eilte auf ihn zu und drückte ihm eine Kopeke in die Hand und schob ihn zur Tür hinaus. Wie sehr er erschrak! Die Kopeke fiel klirrend zu Boden und rollte über die Stufen; er konnte seine Fingerchen nicht biegen, um sie festzuhalten. Der Knabe rannte davon, schneller und immer schneller, wußte selber nicht wohin. Er hätte gerne geweint, doch aus Furcht rannte er immer weiter und hauchte sich auf die Händchen. Eine große Trauer befiel ihn, es war ihm plötzlich so einsam und schrecklich zumut.

Mein Gott, was ist das schon wieder? Eine Menschenmange, die staunt: hinter einer Fensterscheibe sieht man drei Puppen, in roten und grünen Gewändern, als wären sie lebendig! Ein alter Mann sitzt da und scheint auf einer großen Geige zu spielen, während zwei andere, die neben ihm stehen, auf einer kleinen Geige spielen. Sie bewegen die Köpfchen im Takt, schauen einander an, bewegen die Lippen und sprechen, ja, sie sprechen, nur kann man es durch die Scheibe nicht hören. Zuerst dachte der Knabe, sie seien lebendig, doch als er erkannte, daß es Puppen waren, fing er plötzlich zu lachen an. Noch nie hatte er solche Puppen gesehen, er hatte garnicht gewußt, daß es sie gab! Und so sehr ihm ums weinen war – über die Puppen mußte er lachen. Da schien ihm plötzlich, jemand habe ihn hinten am Hemdchen gepackt: neben ihm stand ein großer, böser Junge. Er riß ihm mit einem Schlag die Mütze vom Kopf und versetzte ihm hinterher einen Fußtritt. Der Knabe fiel hin, so daß die Leute kreischten. Zuerst lag er da wie erstarrt, dann sprang er auf und lief davon, wußte selber nicht wohin, lief schließlich durch eine Toreinfahrt in einen fremden Hof und setzte sich hinter einen Holzstoß. ‚hier findet mich keiner‘, dachte er, ‚hier ist es dunkel‘.

Er krümmte sich und wagte vor Angst kaum zu atmen. Doch plötzlich, ganz unvermittelt, war ihm so wohl: die Händchen und Füßchen hörten auf zu schmerzen, und eine Wärme überkam ihn, als säße er auf dem Ofen. Der Knabe fuhr zusammen: ach, er war eingeschlafen! Wie angenehm war es zu schlafen. ‚Ich bleib‘ hier noch ein wenig sitzen und geh‘ dann nochmals die Puppen anschauen‘, dachte der Knabe bei der Vorstellung, wie lebendig sie waren… Dann schien ihm, als höre er die Stimme der Mutter, die ihm ein Lied singt. ‚Mama, ich schlafe, ach wie gut es sich hier schlafen läßt!‘

‚Komm mit mir zum Christbaum, mein Junge‘, flüsterte auf einmal eine leise Stimme über ihm.

Er glaubte, es sei seine Mutter, doch war sie es nicht. Er konnte nicht sehen, wer ihn rief, er fühlte nur, wie sich jemand über ihn beugte und ihn umarmte in der Dunkelheit. Er streckte ihm seine Hand entgegen, und plötzlich – welche Helligkeit! Was für ein herrlicher Christbaum! Kein gewöhnlicher Tannenbaum war’s – er hatte einen solchen Baum noch nie gesehen! Wo war er nur: alles glänzt, alles leuchtet, und ringsum lauter Puppen – doch nein, das sind ja Jungen und Mädchen, in lichten Kleidern. Sie kreisen und fliegen um ihn herum, küssen ihn, heben ihn auf und tragen ihn mit sich fort. Und schon fliegt er und sieht, wie ihn Mama lächelnd und voll Freude anschaut.

‚Mama, Mama! Ach wie schön es hier ist!‘ ruft der Knabe ihr zu, und er küßt die Kinder und will ihnen so schnell wie möglich von den Puppen hinter dem Fenster erzählen. ‚Was sei ihr denn für Jungen, was seid ihr für Mädchen?‘ fragt er lachend und liebevoll.

‚Wir sind zum Weihnachtsfest gekommen‘, antworten ihm die Kinder. ‚An diesem Tag stellt Christus immer einen Weihnachtsbaum für die kleinen Kinder auf, die zu Hause keinen Christbaum haben…‘ Und der Knabe erfuhr, daß die Jungen und Mädchen solche Kinder gewesen waren wie er. Die einen waren schon im Körbchen erfroren, in welchem man sie vor den Türen der Petersburger Beamten ausgesetzt hatte, die anderen waren bei den finnischen Ammen verhungert, denen sie im Findelhaus zur Pflege übergeben worden waren, die dritten waren zur Zeit der Hungersnot in Samara, als die Milch in den Brüsten ihrer Mütter versiegte, gestorben, die vierten in der dicken Luft von Drittklaßwaggons erstickt. Und nun sind sie alle da, wie Engel um Christus geschart, und Er selbst ist in ihrer Mitte und streckt ihnen die Hände entgegen und segnet sie und ihre sündigen Mütter… Und die Mütter dieser Kinder stehen abseits und weinen. Jede Mutter erkennt ihren Jungen oder ihr Mädchen, und die Kinder fliegen zu ihnen, küssen sie und wischen ihnen mit ihren Händchen die Tränen ab und bitten sie, nicht mehr zu weinen, es gehe ihnen hier ja so gut…

Am nächsten Morgen fanden die Hausknechte den kleinen Leichnam des Knaben, der sich hinter den Holzstoß geflüchtet hatte und dort erfroren war. Dann suchten sie seine Mutter… Sie war schon vor ihm gestorben. Sie werden sich beide im Himmel wiedersehen.

 

 

Erich Kästner 1961

„Ach du liebe Weihnachtszeit“

Helga und Dr. Eberhard Schwarz schreiben: „Ihre hübsche Idee, die Mitglieder der KG um Beiträge zur Jahreszeit zu bitten, trägt reiche Früchte. Bald ist Stoff genug für eine Anthologie mit Gedichten und Bildern. Auch von mir eine Fundsache zu Weihnachten aus dem unerschöpflichen Vorrat von Erich Kästners Gedichten (einer der am meisten unterschätzten Autoren deutscher Sprache  im 20. Jahrhundert). Wenn’s gefällt, kann ich noch ein Gedicht Kästners zum Neuen Jahr in drei Wochen nachliefern.“

„Weihnachtslied, chemisch gereinigt“

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch Eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht so weit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden,
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden,
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heilge Nacht –
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit . . .
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

(Erich Kästner)

 

„Schenke mit Geist“

Ein hübsch-passendes Gedicht von Joachim Ringelnatz über das Schenken beschert uns Ursula Hecksteden

Schenken

Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So dass die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist, ohne List.
Sei eingedenk,
Dass dein Geschenk
Du selber bist.

 

„Hoffnung ins Geleite“

Ein Gedicht, das wie ich meine ganz gut in diese Zeit passt, hat Johann Peter Hebel vor gut 200 Jahren auf die Welt gebracht, schreibt Gottfried Wolf. In ihm kommt nämlich eine gewisse Schicksalsergebenheit, die Einsicht begrenzter Selbstwirksamkeit und das Vertrauen, dass die wechselvollen Gegebenheiten sinnvoll seien, zum Ausdruck.

Johann Peter Hebel:

Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz
traulich durch die Zeiten,
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zur Seite.

Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch eh wirs bitten,
ist für Thronen und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.

Wars nicht so im alten Jahr?
Wird’s im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehen und kommen wieder,
und kein Wunsch wird’s wenden.

Gebe denn, der über uns
Wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage,

jedem auf des Lebens Pfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!

Die berührendste Weihnachtsgeschichte hat für mich Fjodor M. Dostojewski zu Papier gebracht: „Der Knabe am Weihnachtsabend bei Herrn Jesus“. Leider verhindert die Krümmung des Buchrückens, dass ich Ihnen diese kurze Erzählung als pdf-Datei in lesbarer Form mitteile; vielleicht gelingt mir das ja in den nächsten Tagen; dann erhalten Sie weitere Post. Trotz Einschränkungen wünsche ich Ihnen eine schöne Adventszeit.

Gottfried Wolf

 

Krippe im Garten

Die weihnachtliche Szenerie im Garten von Bärbel und Bernd Hauslaib möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Es lohnt sich, die Krippe genau anzuschauen. Ihrer digitalen Post hat Frau Hauslaib ein allerliebstes eher unbekanntes Kinderlied beigegeben.

 

 

Nur ein Nichts?

Waltraut Maier empfiehlt  eine beziehungsreiche Fabel zur Frage „Wieviel wiegt eine Schneeflocke?“ mit den Worten: warum verschicke ich gerne diese kleine Fabel von der Schneeflocke? Nun, hier ist es eine Schneeflocke, aber es könnte doch auch eine Wählerstimme sein, die den Ausschlag gibt.  Auch das erleben wir ja gerade zur Genüge und im nächsten Jahr stehen auch für uns alle Wahlen an. Ich möchte  hiermit ermuntern , das Wahlrecht auszuüben, denn das ist ein Privileg, das nicht in jedem Staat selbstverständlich ist. Man könnte den Gedanken noch anders  fort spinnen. Da hält jemand eine lange Rede, vielleicht fühlt man sich gelangweilt. Aber dann kommt ein Wort, ein Satz – und gerade dieses Wort, dieser Satz kann mich aufrütteln und  bedeutsam für mein Leben sein. Nicht gerade eine  weihnachtliche Fabel, aber könnte es nicht gerade dieser eine Weihnachtsgruß sein, der das Fest überstrahlt!?

Was wiegt eine Schneeflocke?

Es war Winter. Überall schneite es. Im Wald saß eine Wildtaube auf einem Baumzweig. Still betrachtete sie das Schneetreiben. Da flog eine muntere Tannenmeise auf die Taube zu und setzte sich neben sie. „Guten Tag“, sagte die Tannenmeise. „Ich grüße dich“, erwiderte die Wildtaube. „Was gibt es Neues im Wald?“ „Die ganze Welt schneit ein“, sagte die Tannenmeise. „Es kommen einem die seltsamsten Gedanken und Fragen bei diesem Wetter. Was meinst du, Wildtaube, was wiegt eine Schneeflocke?“ Die Wildtaube guckte in die Luft und verfolgte eine Schneeflocke nach der anderen, wie sie langsam und leise zu Boden fielen. „Eine Schneeflocke ist so leicht, dass sie gar nichts wiegt“, antwortete sie. „Das habe ich auch gedacht“, sagte die Tannenmeise. „Aber es stimmt nicht. Hör dir die wunderbare Geschichte an, die ich neulich erlebt habe: Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien begann. Es schneite nicht besonders heftig, sondern so wie jetzt. Lautlos und ohne Schwere fielen die Schneeflocken auf die Erde. Ich zählte die Flocken die auf die Zweige und Nadeln des Astes fielen und daran hängen blieben. Es waren über drei Millionen Schneeflocken. Genau als die dreimillionensechhundertachtundsiebzigtausendvierhunderdreiundfünfzigste Schneeflocke niederfiel – nicht mehr als ein Nichts – brach der Ast ab. Denn die Schneelast war ihm zu schwer geworden.“

Damit flog die Tannenmeise wieder davon. Nun hatte die Wildtaube etwas zum Nachdenken. „Das ist eine tolle Geschichte“, dachte sie. Und da sie ein kluger Vogel war, ein Tier, das die Menschen zum Friedensvogel erklärt hatten, begriff sie auch gleich, was diese Geschichte bedeutete. „Vielleicht fehlt nur die Stimme eines einzelnen Menschen zum Frieden in der Welt“, sagte die Wildtaube. „Jeder einzelne Mensch und seine Stimme sind wichtig, damit am Ende Frieden wird.“ Und die Wildtaube freute sich über die Botschaft, die ihr die Tannenmeise gebracht hatte.

„Mir persönlich hat in Corona-Zeiten der Gedanke gefallen, dass es auf jeden Einzelnen ankommt“, schreibt Christa Linsenmaier-Wolf in einem Brief an die Mitglieder der Kulturgemeinschaft. „Verantwortung zu übernehmen, und in Zeiten nicht enden wollender Krieg in vielen Teilen der Welt, dass der Frieden auch am Willen Einzelner hängt. Und in Zeiten des Klimawandels, dass wir selbst mit unserem Verhalten etwas beitragen können dazu, dass unsere schöne Erde erhalten bleibt. “

 

Zum zweiten Advent

Einen schönen 2. Advent wünscht uns Renate Seeger mit ihrem festlichen Foto. Es zeigt ihr mit vielen Glasengeln geschmücktes Fenster. Das Gedicht von Mascha Kaléko habe sie sehr berührt, schreibt sie, und das Gedicht von Loriot amüsiert (siehe unten).

 

Erster Schnee

Vor einigen Tagen fiel der erste Schnee, der allerdings rasch wieder dahinschmolz. Nur auf dem Kappelberg gestern wanderte man auf leicht überpuderten Wegen. Der erste Schnee am 1. Dezember war für unser Mitglied Eva-Maria Keller Anlass, uns in unserem adventlichen Lyrikaustausch ein Gedicht von Mascha Kaléko zu schicken. Die Dichterin stammte ursprünglich aus Galizien und kam als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland, um den Pogromen in Osteuropa zu entgehen. Später lebte sie in Berlin und lernte dort u.a. Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz kennen. Mit ihren heiter-melancholischen Gedichten avancierte sie zu einer bekannten Schriftstellerin. Als Jüdin Schmähungen ausgesetzt, emigrierte sie 1938 mit Mann und kleinem Sohn in die USA, kehrte nach dem Krieg kurzzeitig nach Westdeutschland zurück, wo sie mit den bei Rowohlt verlegten Gedichtbänden große Popularität erlangte. 1960 wanderte Mascha Kaléko mit ihrem Mann nach Jerusalem aus, wo sie wegen ihrer sprachlichen Isolation einsam blieb. 1975 ist sie mit 68 Jahren in Zürich gestorben. Ihr Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Hier lesen Sie eines ihrer Gedichte im unverwechselbaren Kaléko-Ton, der zugleich ein wenig an Kästner erinnert. Der Schnee – eine Chance zum Rückzug, den wir derzeit gezwungenermaßen und der Notwendigkeit folgend gerne vollziehen wolle

Erster Schnee

Von Mascha Kaléko

Eines Morgens leuchtet es ins Zimmer,
und du merkst: ’s ist wieder mal soweit.
Schnee und Barometer sind gefallen.
Und nun kommt die liebe Halswehzeit.

Kalte Blumen blühn auf Fensterscheiben.
Fröstelnd seufzt der Morgenblattpoet:
»Winter läßt sich besser nicht beschreiben,
als es schon im Lesebuche steht.«

Blüten kann man noch mit Schnee vergleichen,
doch den Schnee . . . Man wird leicht zu banal.
Denn im Sommer ist man manchmal glücklich,
doch im Winter nur sentimental.

Und man muß an Grimmsche Märchen denken
und an einen winterweißen Wald
und an eine Bergtour um Silvester.
Und dabei an sein Tarifgehalt.

Und man möchte wieder vierzehn Jahr sein:
Weihnachtsferien . . . Mit dem Schlitten raus!
Und man müßte keinen Schnupfen haben,
sondern irgendwo ein kleines Haus.

Und davor ein paar verschneite Tannen,
ziemlich viele Stunden vor der Stadt.
Wo es kein Büro, kein Telefon gibt.
Wo man beinah keine Pflichten hat.

Ein paar Tage lang soll nichts passieren!
Ein paar Stunden, da man nichts erfährt.
Denn was hat wohl einer zu verlieren,
dem ja doch so gut wie nichts gehört.

 

„Am Niklasabend muss es sein“

Unser Mitglied Heiko Lotsch hat etwas von Loriot, alias Vicco von Bülow ausgesucht – ein ziemlich witzig-freches Adventsstücklein in zwei Portionen voll raben-schwarzen Humors. Wohl bekomm‘s!

ADVENT

Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken,
Schneeflöcklein leis herniedersinken.
Auf Edeltännleins grünem Wipfel
häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.
Und dort vom Fenster her durchbricht
den dunklen Tann ein warmes Licht.
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.
Er war ihr bei des Heimes Pflege
seit langer Zeit schon sehr im Wege.
So kam sie mit sich überein:
Am Niklasabend muss es sein.
Und als das Rehlein ging zur Ruh‘,
das Häslein tat die Augen zu,
erlegte sie direkt von vorn
den Gatten über Kimme und Korn.
Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase
und ruhet weiter süß im Dunkeln,
derweil die Sternlein traulich funkeln.
Und in der guten Stube drinnen
da läuft des Försters Blut von hinnen.
Nun muss die Försterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.
Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied
(was der Gemahl bisher vermied)-,
behält ein Teil Filet zurück
als festtägliches Bratenstück
und packt zum Schluss, es geht auf vier
die Reste in Geschenkpapier.
Da tönt’s von fern wie Silberschellen,
im Dorfe hört man Hunde bellen.
Wer ist’s, der in so tiefer Nacht
im Schnee noch seine Runden macht ?
Knecht Ruprecht kommt mit goldenem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten!
„He, gute Frau, habt ihr noch Sachen, die armen Menschen Freude machen ?“
Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit:
„Die sechs Pakete, heil’ger Mann,
’s ist alles, was ich geben kann.“
Die Silberschellen klingen leise,
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
Im Försterhaus die Kerze brennt,
ein Sternlein blinkt – es ist Advent.

aus: LORIOTs HEILE WELT, Diogenes

Wie Weihnachten wird

Dieser Adventsschmuck – von Brigitte und Manfred Heß – ist nicht zu toppen. Was für ein herrlicher Augenschmaus an einem trüben Tag. Dazu haben unsere Beiratsmitglieder folgendes tiefsinnige Gedicht geschickt:

Auf Weihnachten warten genügt nicht.
Weihnachten kommt nicht
Weihnachten wird
durch dich, durch mich, durch uns.
Vielleicht durch unser Reden, eher durch unser Tun,
am meisten durch unser Sein.
(Max Feigenwinter)

 

 

Heitere literarische Reflexionen

Kürzlich fand die Vorsitzende im Briefkasten drei hübsche Texte zu Weihnachten mit einer persönlichen Grußkarte von Rita und Martin Kerlen. Sie hat  die Blätter eingescannt und die hoffentlich leserlichen Scans weitergeleitet. Zur Abwechslung handelt es sich um heitere literarische Reflexionen auf die weihnachtliche Zeit mit teils kritisch-nachdenklichen Untertönen. „Frohe Weihnachten“ versteht im Übrigen auch, wer im Englischen nicht so firm ist. Versuchen Sie es einfach.

 

 

 

Adventlicher Rebenkranz

 

Renate Mayer hat uns hübsche Fotos ihres, wie sie schreibt, „Rebenkranzes“ geschickt,  wie auch ein Gedicht, das wunderbar in unsere überschattete Adventszeit passt. Möge es ein Lichtlein, eine Ermutigung sein.

 

Haltet in den dunklen Tagen euer Herz bereit!

Tannen werden Lichter tragen und die leuchten weit

Leuchten in der Nächte Schweigen und im kalten Wind

Sterne werden sich bezeigen, die noch ferne sind.

Schon erglüht ein heimlich Gleißen in der Mitternacht.

Denn ein Kind ist uns verheißen, das uns fröhlich macht.

Und die Himmel werden regen über alle Zeit.

Haltet in den dunklen Tagen euer Herz bereit!

  1. O. Wiener

 

Hier kommt – aus besonderer Perspektive – der Adventskranz unserer geschätzten Geschäftsführerin Monika Schoknecht aus natürlichen Materialien.

 

Elke Strakerjan aus Luginsland hat uns ein nachdenkliches und nachdenkenswertes Adventsgedicht geschickt und Wünsche ergänzt, die wir brauchen können.

 adventskalender

tag für tag
schließt sich leise
ein türchen deines lebens

und deine möglichkeiten
fallen unwiderruflich
ins schloss

die verriegelte tür
in der mitte aber
du selbst

öffnest du dich
vielleicht schaut dich dann
überraschend ein kind an

    andreas knapp

Wenn Sie Andreas Knapp noch nicht kennen, recherchieren Sie mal im Internet. Ein interessanter Mensch. Ich wünsche Ihnen viel Zuversicht. Es wird ja auch wieder anders, und wir werden alles dann viel intensiver und dankbarer aufnehmen. Auch wir Menschen untereinander werden es bewußt genießen, uns ohne Abstand und Maske zu begegnen. Ach, wird das schön werden! Und Reisen, und Ausstellungen, Theater, Konzerte, Besuche….

Freuen wir uns drauf, damit der Stern doch leuchten kann!

 

Hier ein einschlägiges Lyrik-Gutsle von

Joachim Ringelnatz

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit.
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
schöne Blumen der Vergangenheit.
Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
und das alte Lied von Gott und Christ
bebt durch Seelen und verkündet leise,
dass die kleinste Welt die größte ist.