Lese-Stoff

Die Kulturgemeinschaft hat ihre Mitglieder aufgerufen, Lese-Tipps für die Veranstaltungslose Zeit zu geben.

Renate und Günter Mayer haben „ Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef Ortheil gelesen und waren von dem Buch so fasziniert, dass sie es kaum mehr aus der Hand legen konnten. Gut gefallen haben ihnen vom selben Autor „Italienische Momente“, eine Hommage des Italienkenners an ein Land, das derzeit besonders unter der Krise leidet. Vielleicht erinnert sich noch jemand daran, dass der Autor beim letzten Kultursommer zu Gast war. 

 

Ein Beitrag von Christa Linsenmaier-Wolf zur aktuellen Corona-Krise

Weite Teile des Kulturlebens sind unter Corona zum Erliegen gekommen. Die kulturellen Einrichtungen sind geschlossen, Konzerte, Theater, Opern- und Tanzaufführungen, auch öffentliche Lesungen und Diskussionen sind nicht mehr in gewohnter Weise möglich. Das trifft vor allem freischaffende Künstler hart, deren Existenz durch eine längere Zwangspause gefährdet ist. Es trifft auch jene Menschen, für die kulturelle Veranstaltungen Lebensqualität bedeuten und Lebenssinn geben, Durchatmen, Kraft schöpfen, Futter für Geist und Seele, Gemeinschaft, denn der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein. Diese tiefere Einsicht behält auch in Zeiten von Corona ihre Gültigkeit. Daran dürfen wir m.E. festhalten – auch wenn derzeit zurecht die Arbeit von Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern, auch von Ordnungshütern im Fokus steht. Sie sind es, von denen wir alle abhängen, die für uns sorgen, sie sind die Helden in dieser Krise. Zeitgleich werden inmitten des Ausnahmezustands Fragen wichtig, die unser Zusammenleben im Kern betreffen: Wie ist das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit zu gewichten? Wie weit dürfen staatliche Maßnahmen gehen, wenn sie wie bei der Auswertung von Handydaten unsere individuellen Rechte einschränken. Welche Beschränkungen sind durch den Ausnahmezustand zu rechtfertigen? Wie schaffen wir es, dass aus gebotenem körperlichem Abstand kein Misstrauen gegenüber dem vermeintlich Infizierten entsteht.

 

Und andererseits, wie anständig verhält sich der Einzelne, wie verständnisvoll gegenüber anderen, wie rücksichtvoll im Hinblick auf Schwächere, wie weit ist er bereit, die eigenen Interessen zurückzustellen, wenn es um das Allgemeinwohl geht. Antworten auf diese dringlichen gesellschaftlichen, politischen und ethisch-moralischen Fragen, die uns über Corona hinaus begleiten werden, geben weniger die Natur- als die Geisteswissenschaften, nicht allein die Wirtschafts- und Finanzinstitute, sondern Orte, an denen von jeher Themen verhandelt werden, die unsere Mitmenschlichkeit im Guten wie im Bösen betreffen, unsere Fähigkeit zur Solidarität und zur Überwindung von Grenzen. Dies sind einerseits die Kirchen, die etwa die Bergpredigt auf ihre Aktualität befragen werden. Dies sind öffentliche Podien, auf denen sich Philosophen mit Politikern, Wissenschaftler mit Theologen austauschen werden, um Lehren aus der einschneidenden Zäsur zu ziehen. Kunst und Kultur sind weder in noch nach der Krise Luxusgüter, die man über Bord wirft als unnötigen Ballast. Kultur in all ihren Facetten ist in einem existenziellen Sinne lebensnotwendig, wenn es dabei nicht um pure Unterhaltung und verfeinerte Genüsse geht, sondern um Themen, die uns unsere Gesellschaft und die einzelnen Menschen innerlich bewegen.

 

Ernsthafte Kunst hat seit jeher grundlegende Fragen unserer Existenz und unseres Zusammenlebens berührt und auf vielschichtige Weise dargestellt. Sie hat neue Horizonte aufgerissen, Perspektiven aufgezeigt, Debatten anregt und, ja, auch Menschen in der Not getröstet. „Nathan der Weise“, was für ein kluges, weitsichtiges und bis heute gültiges Werk, Camus Roman „Die Pest“ – ein Beitrag zur Stunde, Mörikes und Hölderlins Gedichte – auf je andere Weise berückend, aber auch die zeitgenössische Lyrik Jan Wagners, Marion Poschmanns oder des etwas älteren Robert Schindel.

 

Und wenn wir demnächst zur Osterzeit wieder die Matthäuspassion hören werden, die es in vielen wunderbaren Einspielungen gibt, werden wir vielleicht noch dringlicher als in früheren Jahren spüren, wie Bachs Meisterwerk das Leiden zugleich ausdrückt und überwindet. Die vielfältige Kulturszene muss sich nach Corona hoffentlich nicht ganz neu erfinden. Viele der Kulturschaffenden werden sich schwer damit tun, wieder Boden unter die Füße zu kriegen und dabei auf die Solidarität des Publikums angewiesen sein. Andererseits kann unsere Gesellschaft gerade in schwierigen Zeiten auf die Künstler, ihre Sensibilität und Kreativität nicht verzichten.    

Sie geben selten eindeutige Handlungsanweisungen, aber Anregungen zum Nachdenken, Impulse für Veränderungen, öffnen Räume, in denen wir uns finden und verlieren können. „Und wozu Dichter in dürftiger Zeit“, Hölderlins Zeile aus seiner Elegie „Brot und Wein“ lässt sich heute damit erwidern, dass wir sie brauchen, die Dichtung und die anderen schönen Künste, in mageren Jahren noch mehr als in fetten.