Lese-Stoff

Die Kulturgemeinschaft hat ihre Mitglieder aufgerufen, Lese-Tipps für die veranstaltungslose Zeit zu geben. Der neueste Tipp steht immer ganz oben.

XIV. Wie eine Erinnerung an eine bessere Zeit erscheint Konrad Rebstocks Video-Empfehlung. Unser Mitglied lässt uns an seiner Erfahrung als Mitglied eines großen Projektchors in Ludwigsburg teilhaben, der ein Martin-Luther-King-Musical aufgeführt hat. Goethes Sinnspruch, dass wir aus manchen Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, etwas Schönes bauen können, hatten Herrn Rebstock angeregt, uns zu berichten. Aber lesen (und hören) Sie selbst:
Dieses Wort Goethes von Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, hat mich sofort erinnert an den Schluss des Martin-Luther-Musicals, das Ende Januar dieses Jahres in Ludwigsburg aufgeführt worden ist und in diesem Jahr noch – wenn es Corona erlaubt – in weitere Städte auf Tournee gehen wird. Der Textautor, der bekannte Baptistenpastor Andreas Malessa, hat für den Schlusschor folgendes gedichtet:

Gott bricht aus Bergen der Verzweiflung
Steine der Hoffnung uns heraus.
Ja, wir vertrauen der Verheißung,
bau’n der Gerechtigkeit ein Haus.

Die „Gerechtigkeit“ am Schluss dieses Gedichtes bezieht sich auf das Anliegen Martin Luther Kings, allen Menschen ohne Ansehen der Hautfarbe, der Herkunft und der Religion das gleiche Recht zuteilwerden zu lassen. Ich habe selbst für die Ludwigsburger Aufführung in dem großen Chor von Freiwilligen mit geprobt, konnte aber leider krankheitshalber an der Aufführung nicht mehr mitwirken. Aber die Musik auf diese Schlussworte ist mir in Fleisch und Blut übergegangen und fasziniert mich, sooft ich mich an sie erinnere oder sie mir auch noch einmal anhöre. Wenn Sie das Musical nicht kennen, so kann ich Ihnen einen Eindruck davon verschaffen mit dem Video „Danke, Ludwigsburg“ unter dem Link: https://www.youtube.com/watch?v=J1FsvIzWBGY      

Da ist das Lied zu dem oben genannten Gedicht kurz enthalten, und zwar nicht, wie es im Schlusschor gesungen wird, sondern in einem früheren Chorstück des Musicals am Ende des 1. Teils. Ab 1 min 13 sec dieses Videos können Sie es hören und sehen. Zuerst singt der Martin-Luther-King-Darsteller mit dem Chor zusammen. Mein Traum ist der,  dass uns Barmherzigkeit berührt und uns zur Not des nächsten führt. Das ist mein Traum, das ist mein Ziel, meine Vision. Dann setzt der Chor ein mit dem Gedicht, wie oben erwähnt, worauf dann der Martin-Luther-King-Darsteller noch solistisch im Piano bekräftigt: „Das bleibt mein Traum“. Es folgt dann noch der Triumph-Gesang des Chors mit Solisten zusammen: „I got a robe up in that kingdom, yeah”, vermutlich ein Spiritual, das ursprünglich besungen hat, dass sich Christen auf ihre Heimat im Himmel („in that kingdom“) freuen dürfen. Im Musical erklingt dieses Stück als Triumphgesang und Reaktion auf die Nachricht, dass Martin Luther King der Friedens-Nobel-Preis zuerkannt worden ist.

Viel Spaß beim Anhören und freundliche Grüße, Konrad Rebstock.

 

XIII. Am 8. Mai melde auch ich mich einmal zu Wort, an jenem Tag, den gewisse Leute den “Tag der größten deutschen Niederlage” zu nennen belieben, der es aber verdient hätte, als “Tag der Befreiung” jedes Jahr angemessen gefeiert zu werden. Den verdienstvollen Lesetipps aus dem Kreis der Kulturgemeinschaft möchte ich etwas heute Passendes hinzufügen, allerdings nichts aus der unübersehbaren Fülle der Literatur zur Zeit um 1945 herum. Mir scheinen fast wichtiger Bücher über die Entwicklung in jenen Jahren, als sich die kommende Katastrophe mehr oder weniger deutlich abzeichnete, jedenfalls für alle, die überhaupt etwas sehen wollten. Da wäre zum einen für jugendliche Leser die großartige Erzählung von Judith Kerr “Als Hitler das rosa Kaninchen stahl”. Für Leser jeden Alters empfehle ich den beklemmenden Roman von Ödön von Horvath “Jugend ohne Gott”. Und allen, die viel Zeit für eine tiefergehende Beschäftigung mit Nazismus und Faschismus haben, lege ich Franz Neumanns “Behemoth” und Victor Klemperers “LTI”, die Analyse der Sprache des Dritten Reichs, ans Herz.  
Und dann doch etwas zum Kriegsende, hier in voller Länge eingefügt, Erich Kästners “Wenn wir den Krieg gewonnen hätten…”

 

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten
mit Wogenprall und Sturmgebraus,
dann wäre Deutschland nicht zu retten
und gliche einem Irrenhaus.

Man würde uns nach Noten zähmen
wie einen wilden Völkerstamm.
Wir sprängen, wenn Sergeanten kämen,
vom Trottoir und stünden stramm.

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,
dann wären wir ein stolzer Staat.
Und pressten noch in unsern Betten
die Hände an die Hosennaht.

Die Frauen müssten Kinder werfen,
Ein Kind im Jahre. Oder Haft.
Der Staat braucht Kinder als Konserven.
Und Blut schmeckt ihm wie Himbeersaft.
Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,

dann wär der Himmel national.
Die Pfarrer trügen Epauletten
Und Gott wär deutscher General.
Die Grenze wär ein Schützengraben.
Der Mond wär ein Gefreitenknopf.
Wir würden einen Kaiser haben
und einen Helm statt einem Kopf.

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,
dann wäre jedermann Soldat.
Ein Volk der Laffen und Lafetten!
Und ringsherum wär Stacheldraht!
Dann würde auf Befehl geboren.
Weil Menschen ziemlich billig sind.
Und weil man mit Kanonenrohren
allein die Kriege nicht gewinnt.
Dann läge die Vernunft in Ketten.
Und stünde stündlich vor Gericht.
Und Kriege gäb’s wie Operetten.

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten –
zum Glück gewannen wir ihn nicht!

Sehr herzliche Grüße Ihnen und der ganzen Kulturgemeinschaft von Eberhard und Helga Schwarz

 

XII. Unser Mitglied Christel Widmann ist in vielen Bereichen ehrenamtlich engagiert, und sie ist eine begeisterte Leserin. Eben gelesen hat sie Christian Berkels Roman „Der Apfelbaum“, der 2018 beim Ullstein Verlag erschienen ist und den es auch als Taschenbuch gibt. Der bekannte Schauspieler erzählt darin aus der Geschichte seiner eigenen Familie und damit auch ein Stück widersprüchlicher deutscher Geschichte. Im Mittelpunkt stehen Sala, die aus einer intellektuellen jüdischen Familie stammt, und Otto, Sohn einer Arbeiterfamilie. Während Sala aus Deutschland fliehen muss und die Verfolgung der Juden nur durch Glücksfälle überlebt, wird Otto zur Wehrmacht eingezogen und kehrt 1950 ins zerstörte Berlin zurück. Über Umwege kommt auch Sala zurück nach Deutschland, wo ihr Otto nach zehn Jahren wieder begegnet. Das Buch passt gut in diese Tage, in denen wir uns an 75 Jahre Kriegsende erinnern. Christel Widmanns zweite Empfehlung hat ebenfalls einen historischen Hintergrund: “Eine Berlinreise“ von Hanns-Josef Ortheil erzählt von der Reise des 12-jährigen Jungen mit seinem Vater ins Berlin von 1964 – kurz nach dem Mauerbau und ein Jahr nach Kennedys legendärem Berlin-Besuch. Die Geschichte blendet auch zurück in die Zeit des 2. Weltkriegs, wo die Familie Ortheil durch einen Luftangriff ihr erstgeborenes Kind verlor. „Hanns-Josef Ortheil hat die ganz seltene Gabe, uns in traurige Gefilde von Kindheitserinnerungen zu locken und gleichwohl von einem tiefen Geborgensein zu erzählen,“ kommentierte beim Erscheinen des Buchs 2014 NDR Kultur.

Christa Linsenmaier-Wolf weist aus gegebenem Anlass darauf hin, dass in der ARD Mediathek ein sehenswerter Film zur Verfügung steht: „Unbekannte Helden – Widerstand im deutschen Südwesten “. Das Dokudrama u.a. mit Ulrike Folkerts und Walter Sittler erzählt an fünf exemplarischen Fällen von mutigen, meist unbekannten Menschen, die in der NS-Zeit ihr Leben aufs Spiel setzten, um Widerstand zu leisten oder Verfolgte zu retten. Eine Episode ist der württembergischen Pfarrhauskette gewidmet, die einzelne untergetauchte Juden versteckte. Das Ehepaar Max und Ines Krakauer kam zuletzt bei Hildegard Spieth in Stetten unter, die später Pfarrfrau in Fellbach war. Schauen Sie sich den Film an, es lohnt sich. Der 8. Mai 1945 war, wie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede zu 40 Jahre Kriegsende 1985 erstmals in aller Klarheit betonte, ein Tag der Befreiung von einem heute unvorstellbar grausamen Regime, auch wenn es damals einige Deutsche anders erlebten. Und wenn derzeit Corona die Schlagzeilen beherrscht, so sollten wir darüber nicht vergessen, dass uns in (West) Europa 75 Jahre Frieden geschenkt wurden und dass Frieden und Demokratie erarbeitet und geschützt wurden im Wissen um deren stetige Gefährdung. Dafür dürfen wie bei allem Unbehagen im Hinblick auf die aktuelle Situation dankbar sein.

XI. Theater-Ersatz zum Hören nennt Michael Steck seine Empfehlung. Auch wenn Hörspiele eher etwas für lange Winterabende zu sein scheinen: Vielleicht vermisst der eine oder die andere ja den Theaterbesuch und möchte nicht nur auf den Bildschirm starren. In der ARD-Audiothek, deren Nutzung ich auch sonst nur empfehlen kann, findet sich eine sehr gelungene Hörspielfassung von Schillers „Kabale und Liebe“, sie kann dort auch heruntergeladen werden: https://www.ardaudiothek.de/hoerspiele/friedrich-schiller-kabale-und-liebe-drama/66928808 Die Fassung ist klug gestrafft, ästhetisch modern, zugleich texttreu und mit Sprecher/-innen wie Birgit Minichmayr, Andreas Pietschmann, Walter Kreye, Ilja Richter, Angelica Domröse oder Siegfried Voß einfach großartig besetzt. 

X. Unser Mitglied, der ehemalige Kapitän und begeisterte Leser (und Vorleser) Heiko Lotsch, hat uns eine Leseempfehlung geschickt, die ich  gerne weiterleite und unterstreiche. Dass spanisch „cólera“ auch Wut, Galle bedeutet, darf ich ergänzen. Das Buch ist fast schon ein Klassiker und wurde auch sehr erfolgreich verfilmt.

Gabriel Garcia Marquez             Nobelpreisträger 1982 

Die Liebe in Zeiten der Cholera

Kiepenheuer & Witsch

Kurzbeschreibung: Ein großer Liebesroman, eine bildmächtige und wortgewaltige Geschichte voller Lebenskraft und Poesie.

Nichts auf der Welt ist schwieriger als die Liebe. Das erleben Fermina Daza und Dr. Juvenal Urbino tagtäglich in ihrer mehr als 50jährigen Ehe. Und niemand erfährt das schmerzlicher als Fermina Dazas ewiger Verehrer Florentino Ariza, der über 51 Jahre auf sie gewartet hat. Schwärmerisch hat er in poetischen Briefen um sie geworben, sie in aller Keuschheit gewonnen und wieder verloren, aber nie aufgehört, sie zu lieben. Während Fermina Daza an der Seite ihres Mannes, eines hochgeachteten Arztes, ein großbürgerliches Leben führt, bringt es Florentino Ariza durch beruflichen Erfolg als Reeder der „Karibischen Flußschifffahrtskompanie“ zu großem Wohlstand. Er ist ein nimmermüder DonJuan, der eine lange Reihe geheimer Liebesaffären mit teils komisch-satirischen, teils tragischen Zügen pflegt, z.B. auch mit Santander, der Geliebten eines mit ihm befreundeten Kapitäns. Im Herzen ist er aber Fermina Daza immer treu geblieben. Noch am Abend der Beerdigung ihres Mannes erklärt er ihr erneut seine Liebe.

Nach dem Tod Dr. Urbinos machen Fermina und Florentino eine Fahrt auf einem seiner Dampfer  auf dem fiktiven Rio Magdalena, quasi als Hochzeitsreise, denn ihre Liebe gewinnt zum Lebensabend weiter an Tiefe. Beide hatten genug erlebt. Florentino läßt alle anderen Passagiere des Dampfers aussteigen und die gelbe Cholera- (Quarantäne-) Flagge hissen, so daß sie abgeschirmt und ungestört „dem Grauen des wirklichen Lebens“ entgehen und auf dem Magdalenenstrom hin- und herfahren können.

 

IX. Waltraut Maier empfiehlt eine „Geschichte, die uns den Glauben an das Gute zurückgibt“, erschienen 2015 für Menschen ab 12 Jahren, Taschenbuch, 9 € : Im  Meer schwimmen Krokodile – eine wahre Geschichte von  Fabio Geda, der 1972 in Turin geboren wurde. Er erzählt die Geschichte des Afghanen Enaiatollah Akbari, der als Kind seine Heimat  verlässt, um sich allein bis Italien durchzuschlagen. “Als Enaiat eines Morgens erwacht, ist er allein. Er hat nichts als seine Erinnerungen und die drei Versprechungen, die er seiner Mutter gegeben hat: erstens keine Drogen zu nehmen, zweitens keine Waffen zu benutzen und drittens nicht zu stehlen“…

Eine Geschichte, die zu Herzen geht, und ein Plädoyer für Menschlichkeit in diesen unsicheren Zeiten.

 

VIII. Hier kommt eine Roman-Empfehlung von Inge Utess-Sulan. Sie hat das Buch in ihrem Schmidener Lesekreis gelesen. Thommie Bayer stammt übrigens aus unserer Nachbarstadt Esslingen und war früher Musiker, bevor er im Schreiben seine Bestimmung fand. Im Internet kann man bei Deutschlandfunk Kultur ein aufschlussreiches Interview mit ihm nachlesen.

Thommie Bayer „Das innere Ausland“

Andreas Vollmann glaubt, endlich in seinem Leben angekommen zu sein. Nach mehr oder weniger allein verbrachten Jahren besitzt er nun mit seiner Schwester Nina ein Haus im Süden Frankreichs. Er schätzt das ruhige Leben  mit seiner Schwester Nina. Als diese sehr überraschend stirbt, wird er sich seiner Einsamkeit bewusst. Es ist kein Zufall, dass eine fremde Frau bei ihm erscheint – sie heißt Malin und ist Ninas Tochter, der nun ein Teil des Hauses gehört. Während die beiden sich einander annähern und Malin ihm von der unbekannten Seite seiner Schwester erzählt, erkennt Andreas, dass das Leben ihm eine zweite Chance bietet, die er aber auch ergreifen muss.

 

 

„Ostern ist zwar schon vorbei, also dies kein Osterei“, heißt es in einem Spaßgedicht unseres Lieblingsdichters Mörike. Aber hier kommt  ein weiteres Frühlingsgedicht, das Inge Utess-Sulan Ihrer Aufmerksamkeit empfiehlt.

Droste-Hülshoff, Annette von (1797-1848)

Der Frühling ist die schönste Zeit!
Was kann wohl schöner sein?
Da grünt und blüht es weit und breit
Im goldnen Sonnenschein.
Am Berghang schmilzt der letzte Schnee,
Das Bächlein rauscht zu Tal,
Es grünt die Saat, es blinkt der See
Im Frühlingssonnenstrahl.
Die Lerchen singen überall,
Die Amsel schlägt im Wald!
Nun kommt die liebe Nachtigall
Und auch der Kuckuck bald.
Nun jauchzet alles weit und breit,
Da stimmen froh wir ein:
Der Frühling ist die schönste Zeit!
Was kann wohl schöner sein?

 

Inge Utess-Sulan weist außerdem auf weitere Lieblingsgedichte hin, beispielsweise „Nennen wir es Frühlingslied“ von Mascha Kaléko sowie die Mundartgedichte „April“ und  „D Sonn isch’s Leaba“ von Doris Oswald aus Metzingen.

 

VII. Passend zum Osterfest hat uns Elisabeth Herm Goethes „Osterspaziergang“ empfohlen, den sie in ihrer Jugend auswendig lernte. Er stammt aus „Faust 1“ und ist eine bildkräftige Feier des Frühlings, wie wir ihn derzeit mit allen Sinnen erleben. Das Gewimmel allerdings, das er beschreibt, ist leider gar nicht zeitgemäß. Und auch die überbordende Freude, die er zum Ausdruck bringt, will sich heuer nicht recht einstellen. Lassen sie uns dennoch den Mut nicht verlieren.

Johann Wolfgang von Goethe, Osterspaziergang aus: Faust 1

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

 

 

VI. Frühlingsgedichte zum Träumen und Nachdenken

Ich liebe sie seit meiner Jugend.

Dies schreibt uns, liebe Mitglieder, Eva-Maria Keller, die der Kulturgemeinschaft als frühere langjährige Geschäftsführerin sehr verbunden war und bis heute ist. Wie die meisten von Ihnen wissen, hat Frau Keller bis 2004 die Stadtbücherei Fellbach geleitet und einen besonderen Draht zur Literatur. Sie hat zwei wunderschöne Frühlingsgedichte ausgewählt, die von Eduard Mörike und dem nur wenige Jahre älteren Heinrich Heine stammen. Man kann sie recht gut auswendig lernen, vielleicht versuchen Sie es einmal?

Heinrich Heine
Leise zieht durch mein Gemüt

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen,
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich laß sie grüßen.

 

Eduard Mörike

Er ist’s

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
—  Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab‘ ich vernommen!

 

V. Empfehlung von Ursula Hecksteden

ich empfehle das Buch „Owen Meany“ von John Irving, Es ist 1989 in New York unter dem Titel „ A Prayer for Owen Meany“ erschienen und bei Diogenes Zürich 1990 in deutscher Übersetzung. Es ist ein „dickes“ Buch, 850 Seiten. Genau richtig, wenn man wie derzeit genug Muße hat zum Lesen. Ich zitiere aus dem Klappentext: Die bewegende Geschichte der einzigartigen Freundschaft zwischen Owen Meany und John Wheelwright. Man schreibt den Sommer 1953, die beiden 11jährigen Freunde spielen Baseball, als ein furchtbares Unglück passiert…

John Irving erzählt die Geschichte dieser beiden Jungen, die Geschichte seiner Generation: die Zeit ihrer Kindheit in den 50er Jahren, die Jahre der Aufbruchsstimmung unter dem charismatischen John

  1. Kennedy und des Kampfs für die Gleichberechtigung der Rassen, initiiert von Martin Luther King, die immer stärkere Verwicklung der USA in den Vietnamkrieg, der Kampf gegen diesen Krieg und das Trauma einer ganzen Nation nach der Niederlage, die Utopien und Träume von einer friedlichen, gewaltfreien Welt in den 60er Jahren, bis hin zu jenem Schauspieler als Präsident( Reagan) im Weißen Haus.

Owen Meany ist John Irvings Auseinandersetzung mit einem halben Jahrhundert amerikanischer Geschichte, mit der Frage nach dem Glauben in einer chaotischen Welt., ein großer Roman in der Tradition der besten angelsächsischen Erzähler.

Mich persönlich hat der feine Humor begeistert. Außerdem baut sich während der Lektüre eine Spannung auf; man ahnt, dass am Ende etwas Ungeheuerliches passieren muss.

Ich lese dieses  Buch  zurzeit zum 3. Mal und bin – obwohl oder weil ich das Ende schon kenne – fasziniert.

 

IV. Ein Mitglied schickte uns ihr liebstes Frühlingsgedicht: „Ich empfinde es als Musik und Rhythmus pur“

Joseph von Eichendorf

   Frühlingsdämmerung

In der stillen Pracht,
in allen frischen Büschen und Bäumen
flüstert´s  wie in Träumen
die ganze Nacht.
Denn über den mondbeglänzten Ländern
mit langen weißen Gewändern
ziehen die schlanken
Wolkenfraun wie geheime Gedanken,
senden von den Felsenwänden
hinab die behenden
Frühlingsgesellen, die hellen Waldquellen,
die´s nach unten bestellen
an die duftigen Tiefen,
die gerne noch schliefen.
Nun wiegen  und  neigen in ahnendem Schweigen
sich alle so eigen
mit Ähren und Zweigen,
erzählen´s den Winden,
die durch die blühenden Linden
vorüber den grasenden Rehen
säuselnd über die Seen gehen,
dass die Nixen verschlafen auftauchen
und fragen,
was sie so lieblich hauchen –
wer mag es wohl sagen?

Ich leihe sehr viele Bücher in der Stadtbücherei. Da das ja nun nicht geht, greife ich zu meinen Beständen. Dabei bin ich wieder auf Alice Munro gestoßen und habe mich erneut von ihr einfangen lassen. Ihr gelingt es, auf 30 oder 40 Seiten ein ganzes Leben, einen Charakter, menschliche Beziehungen, besondere Situationen erstehen zu lassen. Und immer sind es die Möglichkeiten, die sie interessieren. Nichts ist fest gefügt, alles könnte auch anders verlaufen, und es bleibt dem Leser überlassen, seine eigenen Erfahrungen und Gedanken mit dem Text zu verweben. Für mich sind die Geschichten so spannend, dass ich sie nicht im Bett lesen kann!

Alice Munro
Erzählungen. 
Viele sind im Fischer Taschenbuchverlag erschienen in mehreren Bänden. Einer der ersten trägt den Titel:  Die Liebe einer Frau

Und noch eines habe ich aus dem Bestand hervor geholt:

Uwe Johnsson
Jahrestage  
Suhrkamp Taschenbuch 1822

Für mich eines der menschlichsten Bücher im Bereich der Literatur. Man lese nur einmal im 2.Band seine Schilderung der sogenannten „Kristallnacht“.

Erzählt  wird das Leben einer Frau und ihrer kleinen Tochter im Jahr 1967/1968, bevor die Tschechoslowakei von den Sowjets besetzt wurde. Verwoben werden die täglichen Nachrichten der New York Times und die Ereignisse in Amerika mit den Erinnerungen der jungen Frau an ihre Kindheit und Jugend im 2. Weltkrieg und in der frühen DDR.   

 

III. Buchempfehlungen von Elisabeth Geßwein

Im Schmidener Literaturkreis, in dem ich Mitglied bin, haben wir in letzter Zeit zwei interessante Bücher gelesen, die ich empfehlen kann:

  1. „Neujahr“ von Juli Zeh

      Ein Familienvater mittleren Alters, eigentlich glücklich verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern, erleidet immer wieder Panikattacken, obwohl  er nach Untersuchungen körperlich gesund ist. Die Familie verbringt einen Urlaub auf Lanzarote über Sylvester und Neujahr. Am Neujahrstag macht der Vater einen Fahrradausflug auf einen Berg. Dort hat er ein Deja-vue-Erlebnis. Er erinnert sich plötzlich wieder an ein schreckliches Ereignis in seiner Kindheit.

  1. „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leki

      In einem Dorf im Westerwald lebt eine alte Frau namens Selma mit ihrer Enkelin. Immer wenn sie nachts von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf. Das ganze Dorf fürchtet sich vor Selmas Träumen.

  1. Denis Scheck „Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“

    Dieses Buch ist ein überaus interessantes Nachschlagewerk, das man immer mal wieder zur Hand nehmen kann. Dennis Scheck hat jedes der empfohlenen Bücher ausführlich beschrieben und weckt somit die Lust, sie zu lesen.

Nun noch ein Gedicht von Robert Gernhardt:

Das Buch

Ums Buch ist mir nicht bange. Das Buch hält sich noch lange.
Man kann es bei sich tragen und überall aufschlagen.
Sofort und ohne Warten kann man das Lesen starten.
Im Sitzen, Liegen, Knien ganz ohne Batterien.
Beim Fliegen, Fahren, Gehen – ein Buch bleibt niemals stehen.
Beim Essen, Kochen, Würzen – ein Buch kann nicht abstürzen.
Die meisten andern Medien tun sich von selbst erledigen.
Kaum sind sie eingeschaltet, heißt’s  schon:  Die sind veraltet!
Und nicht mehr kompatibel – marsch in den Abfallkübel

Zu Bänden, Filmen, Platten, die wir einst gerne hatten,
und die nur noch ein Dreck sind. Weil die Geräte weg sind
und niemals wiederkehren, gibt’s nichts zu seh’n, zu hören.
Es sei denn, man ist klüger  und hält sich gleich an Bücher,
die noch in hundert Jahren das sind, was sie stets waren:
Schön lesbar und beguckbar, so steh’n  sie unverrückbar
In Schränken und Regalen und die Benutzer strahlen:
Hab’n die sich gut gehalten! Das Buch wird nicht veralten.

Viel Spaß beim Lesen und liebe Grüße!

 

II. Renate und Günter Mayer haben „ Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef Ortheil gelesen und waren von dem Buch so fasziniert, dass sie es kaum mehr aus der Hand legen konnten. Gut gefallen haben ihnen vom selben Autor „Italienische Momente“, eine Hommage des Italienkenners an ein Land, das derzeit besonders unter der Krise leidet. Vielleicht erinnert sich noch jemand daran, dass der Autor beim letzten Kultursommer zu Gast war. 

 

I. Ein Beitrag von Christa Linsenmaier-Wolf zur aktuellen Corona-Krise

Weite Teile des Kulturlebens sind unter Corona zum Erliegen gekommen. Die kulturellen Einrichtungen sind geschlossen, Konzerte, Theater, Opern- und Tanzaufführungen, auch öffentliche Lesungen und Diskussionen sind nicht mehr in gewohnter Weise möglich. Das trifft vor allem freischaffende Künstler hart, deren Existenz durch eine längere Zwangspause gefährdet ist. Es trifft auch jene Menschen, für die kulturelle Veranstaltungen Lebensqualität bedeuten und Lebenssinn geben, Durchatmen, Kraft schöpfen, Futter für Geist und Seele, Gemeinschaft, denn der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein. Diese tiefere Einsicht behält auch in Zeiten von Corona ihre Gültigkeit. Daran dürfen wir m.E. festhalten – auch wenn derzeit zurecht die Arbeit von Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern, auch von Ordnungshütern im Fokus steht. Sie sind es, von denen wir alle abhängen, die für uns sorgen, sie sind die Helden in dieser Krise. Zeitgleich werden inmitten des Ausnahmezustands Fragen wichtig, die unser Zusammenleben im Kern betreffen: Wie ist das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit zu gewichten? Wie weit dürfen staatliche Maßnahmen gehen, wenn sie wie bei der Auswertung von Handydaten unsere individuellen Rechte einschränken. Welche Beschränkungen sind durch den Ausnahmezustand zu rechtfertigen? Wie schaffen wir es, dass aus gebotenem körperlichem Abstand kein Misstrauen gegenüber dem vermeintlich Infizierten entsteht.

Und andererseits, wie anständig verhält sich der Einzelne, wie verständnisvoll gegenüber anderen, wie rücksichtvoll im Hinblick auf Schwächere, wie weit ist er bereit, die eigenen Interessen zurückzustellen, wenn es um das Allgemeinwohl geht. Antworten auf diese dringlichen gesellschaftlichen, politischen und ethisch-moralischen Fragen, die uns über Corona hinaus begleiten werden, geben weniger die Natur- als die Geisteswissenschaften, nicht allein die Wirtschafts- und Finanzinstitute, sondern Orte, an denen von jeher Themen verhandelt werden, die unsere Mitmenschlichkeit im Guten wie im Bösen betreffen, unsere Fähigkeit zur Solidarität und zur Überwindung von Grenzen. Dies sind einerseits die Kirchen, die etwa die Bergpredigt auf ihre Aktualität befragen werden. Dies sind öffentliche Podien, auf denen sich Philosophen mit Politikern, Wissenschaftler mit Theologen austauschen werden, um Lehren aus der einschneidenden Zäsur zu ziehen. Kunst und Kultur sind weder in noch nach der Krise Luxusgüter, die man über Bord wirft als unnötigen Ballast. Kultur in all ihren Facetten ist in einem existenziellen Sinne lebensnotwendig, wenn es dabei nicht um pure Unterhaltung und verfeinerte Genüsse geht, sondern um Themen, die uns unsere Gesellschaft und die einzelnen Menschen innerlich bewegen.

Ernsthafte Kunst hat seit jeher grundlegende Fragen unserer Existenz und unseres Zusammenlebens berührt und auf vielschichtige Weise dargestellt. Sie hat neue Horizonte aufgerissen, Perspektiven aufgezeigt, Debatten anregt und, ja, auch Menschen in der Not getröstet. „Nathan der Weise“, was für ein kluges, weitsichtiges und bis heute gültiges Werk, Camus Roman „Die Pest“ – ein Beitrag zur Stunde, Mörikes und Hölderlins Gedichte – auf je andere Weise berückend, aber auch die zeitgenössische Lyrik Jan Wagners, Marion Poschmanns oder des etwas älteren Robert Schindel.

Und wenn wir demnächst zur Osterzeit wieder die Matthäuspassion hören werden, die es in vielen wunderbaren Einspielungen gibt, werden wir vielleicht noch dringlicher als in früheren Jahren spüren, wie Bachs Meisterwerk das Leiden zugleich ausdrückt und überwindet. Die vielfältige Kulturszene muss sich nach Corona hoffentlich nicht ganz neu erfinden. Viele der Kulturschaffenden werden sich schwer damit tun, wieder Boden unter die Füße zu kriegen und dabei auf die Solidarität des Publikums angewiesen sein. Andererseits kann unsere Gesellschaft gerade in schwierigen Zeiten auf die Künstler, ihre Sensibilität und Kreativität nicht verzichten.    

Sie geben selten eindeutige Handlungsanweisungen, aber Anregungen zum Nachdenken, Impulse für Veränderungen, öffnen Räume, in denen wir uns finden und verlieren können. „Und wozu Dichter in dürftiger Zeit“, Hölderlins Zeile aus seiner Elegie „Brot und Wein“ lässt sich heute damit erwidern, dass wir sie brauchen, die Dichtung und die anderen schönen Künste, in mageren Jahren noch mehr als in fetten.